Widereinstieg in die Kernkraft? Genial, oder doch nicht?
Die Kernkraft-Renaissance: Eine Wette auf die Vergangenheit
Es gibt Ideen, die kehren mit der Zuverlässigkeit von Gezeiten zurück. Kernkraft ist eine davon. Kaum steigt der Ölpreis, kaum flackert das Licht in einem osteuropäischen Umspannwerk, schon melden sich die üblichen Stimmen zu Wort: Der Ausstieg sei nicht unumkehrbar. Technisch stimmt das. Ökonomisch ist es etwa so klug wie die Aussage, man könne auch per Kutsche nach Berlin fahren.
Schauen wir uns die Zahlen an – weil Nostalgie ein schlechter Treibstoff für Infrastrukturpolitik ist.
30 Milliarden Euro. Wofür genau?
Ein neuer Reaktorblock nach europäischem Standard – Stichwort EPR, siehe Flamanville, siehe Hinkley Point C – kostet zwischen 20 und 30 Milliarden Euro. Dafür bekommt man 1,6 bis 2,2 Gigawatt installierte Leistung und, bei 90 % Verfügbarkeit, rund 16 Terawattstunden Strom pro Jahr.
Was kauft man sich alternativ für dasselbe Geld? Ein hybrides Portfolio aus Wind, Photovoltaik und Batteriegroßspeichern – etwa 25 GW installierte Leistung, rund 30 bis 35 TWh Jahreserzeugung. Also fast doppelt so viel Strom, skalierbar, dezentral, ohne Sicherheitszone und ohne die Frage, wo man den Abfall lagert.
Das ist keine ideologische Aussage. Das ist eine Opportunitätskostenrechnung.
LCOE: Die Zahl, die Lobbygespräche beendet
Die Stromgestehungskosten (Levelized Cost of Energy) für neue Kernkraftwerke liegen laut Lazard und Fraunhofer ISE zwischen 14 und 18 Cent pro Kilowattstunde. Photovoltaik und Windkraft bewegen sich heute bei 3 bis 8 Cent – und der Trend zeigt weiter nach unten, nicht nach oben.
Selbst wenn man die Integrationskosten der Erneuerbaren ehrlich einrechnet – Speicher, Backup-Gaskraftwerke, Netzausbau – bleibt der regenerative Pfad günstiger. Und Kernkraft hat ein strukturelles Problem, das oft übersehen wird: Sie ist unflexibel. Ein Reaktor läuft am liebsten konstant auf Volllast. In einem Netz, das zunehmend von günstiger, fluktuierender Erzeugung dominiert wird, produziert er mittags genau dann, wenn der Preis gegen null – oder darunter – geht. Betriebswirtschaftlich nennt man das ein Problem. Politisch nennt man es gern „Grundlast”.
Der Zeitfaktor: Ein Klimaschutzgesetz wartet nicht
Planungs- und Bauzeit für einen neuen Reaktor in Europa: realistisch 15 bis 20 Jahre. Ein heute beschlossener Wiedereinstieg würde frühestens in den späten 2040ern Strom liefern – zu einem Zeitpunkt, an dem Deutschland laut Klimaschutzgesetz bereits klimaneutral sein muss.
Anders formuliert: Wir würden 30 Milliarden Euro in eine Technologie investieren, die das Klimaproblem der 2020er und 2030er gar nicht lösen kann, dafür aber sicherstellt, dass in den 2040ern ein weiteres Endlagerproblem existiert.
Der ordoliberale Check: Markt oder Staatsdirigismus?
Hinter der technischen Debatte verbirgt sich eine ordnungspolitische Grundsatzfrage – und sie ist unbequem für alle, die Kernkraft als „wirtschaftsvernünftige” Option verkaufen.
Wer aus der Tradition der Freiburger Schule denkt, muss bei der Atom-Renaissance über drei blinde Flecken sprechen:
Das Haftungs-Vakuum. Ein ehernes Prinzip des Ordoliberalismus: Wer den Nutzen zieht, trägt die Haftung. Für Kernkraftwerke existiert weltweit kein privater Versicherungsmarkt, der die Risiken eines GAU abdeckt. Der Staat tritt faktisch als kostenloser Rückversicherer auf – klassische Risikosozialisation bei privatisierten Gewinnen. Das ist keine Marktlogik, sondern eine massive, wettbewerbsverzerrende implizite Subvention, die in keiner LCOE-Rechnung der Branche auftaucht.
Die Preisgarantie-Falle. Projekte wie Hinkley Point C funktionieren nur durch staatlich garantierte Abnahmepreise (Contracts for Difference), die weit über dem Marktpreis liegen und über Jahrzehnte fixiert sind. Das hebelt den Preismechanismus aus – ausgerechnet das Herzstück der Marktwirtschaft.
Intergenerationelle Ungerechtigkeit. Die Kosten der Endlagerung werden in die ferne Zukunft verschoben, während die Gewinne heute fließen. Das widerspricht dem Verursacherprinzip und belastet künftige Generationen mit Verbindlichkeiten, deren Höhe heute niemand seriös beziffern kann.
Die Schlussfolgerung aus liberal-ordnungspolitischer Sicht ist damit eigentlich eindeutig: Kernkraft in ihrer heutigen Form ist kein Produkt des freien Marktes. Wer „Markt” sagt, kann bei der Kernkraft nicht konsequent „Ja” sagen.
„Aber Finnland hat’s doch hingekriegt!”
Doch was passiert, wenn man diese marktwirtschaftlichen Bedenken beiseite wischt und es trotzdem versucht? Schauen wir nach Finnland – dem stärksten Argument der Gegenseite. Deshalb lohnt es sich, genau hinzuschauen.
Olkiluoto 3, der neueste Reaktor Europas: Baubeginn 2005, Inbetriebnahme April 2023. Statt vier Jahre 18 Jahre. Statt 3 Milliarden Euro rund 11 Milliarden Euro. Auf finnischem Boden, mit finnischer Ingenieurskunst und dem erklärten politischen Willen eines atomfreundlichen Landes – und trotzdem fast viermal teurer als geplant. Kurz nach Inbetriebnahme musste der Reaktor die Produktion drosseln, weil die Strompreise für rentablen Betrieb zu niedrig waren. Das Netz kannte keine Sentimentalität.
Und das Endlager? Onkalo ist tatsächlich ein Meilenstein – das weltweit erste Tiefenlager für hochradioaktiven Abfall, in Betrieb seit 2024. Respekt, wo Respekt gebührt. Nur: Die Genehmigung deckt ausschließlich die Abfälle der bestehenden fünf Reaktoren. Jeder neue Reaktor würde ein neues Onkalo erfordern – eine Erkenntnis, die in der Debatte regelmäßig unter den Tisch fällt.
Finnland ist kein Gegenargument. Finnland ist eine Warnung, die sich selbst als Erfolgsgeschichte verkleidet. Mehr dazu in Teil 2.
Fazit: Technisch möglich, ökonomisch irrational
Die Kernkraft ist nicht unumkehrbar – das stimmt. Sie ist auch nicht verboten, nicht physikalisch unmöglich und nicht des Teufels. Sie ist schlicht das Falsche zum falschen Preis zur falschen Zeit.
In einer Welt, in der Kapital knapp ist, Geschwindigkeit zählt und die Grenzkosten erneuerbarer Energie gegen null streben, ist der Wiedereinstieg keine mutige Entscheidung für die Zukunft. Es ist eine sentimentale Wette auf eine Vergangenheit, die selbst damals nie ganz funktioniert hat.
Die Kutsche fährt auch nach Berlin. Aber vielleicht nehmen wir trotzdem den Zug.
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