Katherina Reiches arger Weg der Erkenntnis

## oder: Wie Katherina Reiche in einer Woche die Energiewende einkürzte — und der Markt zurückschlug


*Eine Chronik in Echtzeit. Keine Fiktion.*


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### Montag bis Freitag: Der große Aufräum


Wenn man schon Wirtschaftsministerin ist, dann richtig. Katherina Reiche — CDU, Ex-Westenergie-Chefin, bekennende Freundin verlässlicher Grundlast — hat in den vergangenen Wochen aufgeräumt. Gründlich.


Das **Netzpaket** war das Erste: Ein geleakter Referentenentwurf sah vor, dass Erneuerbare-Anlagen in sogenannten „kapazitätslimitierten Netzgebieten” künftig keinen Anschlussanspruch und keine Entschädigungszahlungen mehr erhalten sollen. Klingt technisch. Bedeutet: Wer ein Windrad baut, bekommt möglicherweise keinen Netzanschluss. Und wenn der Strom trotzdem nicht fließt — Pech gehabt, kein Ausgleich.


Mehr als 50.000 Menschen unterzeichneten innerhalb weniger Tage die Petition „Rettet die Erneuerbaren”. Branchenverbände schlugen Alarm. Selbst aus der SPD, dem Koalitionspartner, kam Widerspruch.


Reiche ließ das kalt.


Dann das **EEG-Reform-Vorhaben**: Solaranlagen bis 25 Kilowatt — also praktisch alle privaten Dachanlagen — sollen keine Einspeisevergütung mehr bekommen. Und der Strom, den sie produzieren? Der darf künftig womöglich gar nicht mehr ins Netz. Mit anderen Worten: Wer seiner Familie ein Solardach baut, produziert Strom für sich selbst und sonst für niemanden — und erhält dafür nichts.


Zur Begründung: Die Anlagen seien „oft bereits ohne Förderung wirtschaftlich”. Was stimmt — sofern man selbst verbraucht. Was die Förderwürdigkeit kleiner Eigenheimbesitzer gegenüber großen Freiflächenanlagen von Investoren ein wenig… asymmetrisch erscheinen lässt.


„Birnbaum fordert, Reiche liefert”, kommentierte Windkraftpionier Johannes Lackmann trocken. Gemeint war Leonhard Birnbaum, Chef von Eon — Reiches altem Arbeitgeber. Der hatte Ende 2025 in der Süddeutschen Zeitung gefordert, den Ausbau von Wind und Solar „an der richtigen Stelle” zu organisieren. Nun, der Entwurf liest sich ganz in seinem Sinne.


Und dann noch das **Heizungsgesetz**, das die Koalition feierlich abschaffte. Jenes Gesetz, das — eine kleine Fußnote der Geschichte — nie einen Zwang zur Wärmepumpe enthielt. Das nie ein Verbot von Gasheizungen war. Das 65-Prozent-Erneuerbare beim Heizen ermöglichte, nicht vorschrieb. Abgeschafft.


Man schaffte also ein Gesetz ab, das in der öffentlichen Wahrnehmung existierte — in der regulatorischen Realität aber erheblich zahmer war. Ein Triumph über einen Popanz.


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### Samstag, 1. März 2026: Ein schlechtes Timing-Gefühl


Am Wochenende griffen die USA und Israel den Iran an.


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### Montag, 2. März: Das Feedback des Marktes


Der Ölpreis stieg am Montagmorgen um knapp 14 Prozent. Brent kletterte von 72 auf über 82 Dollar pro Barrel — der stärkste Tagesanstieg seit vier Jahren.


Der Grund: Die Straße von Hormus. Jene 33 Kilometer schmale Meerenge zwischen Iran und Oman, durch die täglich rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Rohöls fließt. Der Iran sperrte sie — jedenfalls teilweise, jedenfalls offiziell, jedenfalls genug, um die Märkte in Wallung zu bringen. Mindestens 150 Tanker ankerten vor der Meerenge und warteten.


Auch der Erdgaspreis reagierte. An der Amsterdamer Börse: plus 25 Prozent an einem Tag. Der stärkste Anstieg seit 2023. Katar — einer der weltgrößten LNG-Exporteure, der sein Gas überwiegend durch Hormus verschifft — stoppte die Produktion vorläufig.


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### Dienstag bis Mittwoch: Der Alltag holt die Theorie ein


An deutschen Tankstellen überschritt der Benzinpreis vereinzelt die 2-Euro-Marke. Der bundesweite Durchschnitt für Super E10 lag bei 1,85 bis 1,91 Euro — der höchste Wert seit fast zwei Jahren.


Die Heizkosten: noch nicht sofort, aber der Großhandelspreis hatte sich beim Erdgas seit Freitag laut Experte Bukold „glatt verdoppelt”.


Wirtschaftsweise Veronika Grimm warnte vor einem neuen Energieschock. Die Deutsche Bank sah „einen positiven Schock auf der Angebotsseite bei Öl” als zentrales Inflationsrisiko für 2026.


Goldman Sachs nannte im Worst-Case-Szenario: 110 Dollar pro Barrel — falls die Straße von Hormus länger blockiert bleibt.


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### Die Pointe, die keine Pointe ist


Katherina Reiche trat diese Woche vor die Kameras und versicherte, es drohe „keine Knappheit”.


Was sie nicht sagte — und was vielleicht niemand von ihr erwarten durfte: dass die Woche, in der Deutschland die Solardach-Förderung einstampfte, die Netzanschlussgarantie für Windräder abschaffte und das umstrittene Heizungsgesetz feierlich beerdigt, just jene Woche war, in der der Ölpreis um 17 Prozent stieg, der Gaspreis sich verdoppelte und Analysten das Worst-Case-Szenario auf 110 Dollar kalkulierten.


Fossile Energie ist nicht billig. Sie ist nicht verlässlich. Sie ist abhängig von Meerengen, Regimen und militärischen Eskalationen, die sich weder im Koalitionsvertrag noch in Referentenentwürfen aus dem Bundeswirtschaftsministerium einplanen lassen.


Das ist keine neue Erkenntnis.


Es ist dieselbe Erkenntnis wie 2022 — nach dem Überfall auf die Ukraine, nach den Gaspreisschocks, nach den 200 Milliarden Euro Entlastungspaket.


Nur: Damals war Reiche noch Chefin von Westenergie. Und die Erinnerung an das, was mit fossiler Abhängigkeit passieren kann, scheint in den letzten Monaten ein wenig verblasst zu sein.


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*Der Markt erinnert gerne. Und er hat eine ausgezeichnete Buchführung.*


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> **Anmerkung:** Alle genannten Fakten zu Reiches Gesetzesvorhaben und dem Ölpreisanstieg durch den Iran-Krieg sind in dieser Woche (März 2026) aktuell berichtet worden. Was fehlt, ist die Reue. Die kommt vielleicht noch.

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